Was hat die neue Metaanalyse untersucht?
Dass Psychotherapie bei Depression hilft, ist gut belegt. Offen war bisher, ob die Wirkung auch langfristig anhält. Die Forscher:innen um Cuijpers, Miguel, Kaya Aglio, van Straten, Karyotaki und Harrer haben deshalb alle randomisierten Studien zusammengeführt, die Psychotherapie bei Erwachsenen mit Depression mit einer Kontrollgruppe verglichen und Ergebnisse mindestens sechs Monate nach Studienbeginn berichteten. Als Kontrollbedingung galten übliche Versorgung, Wartelisten oder andere Vergleichsgruppen. Insgesamt flossen 209 Vergleiche mit 534 Nachuntersuchungen ein. Mit einem speziellen statistischen Modell konnten die Autor:innen den Verlauf der Wirkung über die Zeit nachzeichnen, statt nur einzelne Zeitpunkte zu vergleichen.
Was sind die wichtigsten Ergebnisse?
Die Studie liefert ein klares Bild vom zeitlichen Verlauf: Höhepunkt nach drei Monaten: Die standardisierte Mittelwertdifferenz (SMD) zur Kontrollgruppe stieg bis etwa zur zwölften Woche auf 0,55. Leichter Rückgang im ersten Jahr: Bis rund ein Jahr nach Beginn sank der Effekt auf 0,39 und blieb danach weitgehend stabil. Lange nachweisbar: Statistisch signifikant war der Unterschied bis zu 8,3 Jahre nach Studienbeginn. Mehr Menschen mit deutlicher Besserung: Die Chance auf ein Ansprechen war nach drei Monaten um 68 Prozent höher als in der Kontrollgruppe. Statistisch gesichert blieb dieser Vorteil bis etwa viereinhalb Jahre, nach fünf Jahren lag das Verhältnis noch bei 1,14.
Effektstärken verständlich erklärt
Die SMD beschreibt, wie weit sich zwei Gruppen im Durchschnitt unterscheiden, gemessen in Standardabweichungen. Werte um 0,5 gelten üblicherweise als mittlerer Effekt, Werte um 0,2 als kleiner. Eine SMD von 0,39 nach einem Jahr bedeutet also einen mittleren, gut spürbaren Unterschied. Das Verhältnis von 1,68 bei den Ansprechraten heißt: Unter Psychotherapie erreichten deutlich mehr Menschen eine Halbierung ihrer Beschwerden als ohne. Wie diese Zahlen zu anderen Befunden passen, zeigt der Abschnitt zur Wirksamkeit unter Psychotherapie verstehen.
Welche Therapie hilft bei Depression am nachhaltigsten?
Die Unterschiede zwischen den Verfahren waren gering. Das passt zu einer früheren Netzwerk-Metaanalyse derselben Arbeitsgruppe aus dem Jahr 2021 mit 331 Studien und über 34.000 Patient:innen: Alle wichtigen Therapieformen waren dort wirksam und unterschieden sich kaum. Die Autor:innen schlossen daraus, dass Vorlieben der Patient:innen und die Verfügbarkeit eines Angebots bei der Wahl eine größere Rolle spielen können. Einen Überblick über die Therapie bei Depression gibt Anlässe & Beschwerdebilder, die in Österreich anerkannten Methoden stellt Methoden & Verfahren vor.
Verhaltensaktivierung im Vergleich
Von allen geprüften Einflussfaktoren war nur einer statistisch bedeutsam: Verhaltensaktivierung zeigte im Vergleich zur kognitiven Verhaltenstherapie weniger anhaltende Effekte. Bei dieser Methode bauen Betroffene gezielt wieder Aktivitäten auf, die ihnen Freude machen oder wichtig sind. Warum ihre Wirkung schneller nachlässt, beantwortet die Studie nicht.
Grenzen der Studie
Die Ergebnisse sind robust, aber nicht ohne Einschränkungen: Wenige sehr lange Studien: Nur 52 der 534 Nachuntersuchungen, also 9,7 Prozent, lagen mehr als zwölf Monate nach Studienbeginn; nur 15 Studien reichten über zwei Jahre. Unterschiedliche Kontrollgruppen: Wartelisten-Studien überschätzen die Wirkung tendenziell, wie dieselbe Arbeitsgruppe 2024 in einer eigenen Analyse zeigte. Durchschnittswerte: Die Zahlen beschreiben Gruppen, nicht den Einzelfall. Ob und wie stark eine Behandlung wirkt, hängt von vielen persönlichen Faktoren ab.
Was bedeutet das für Betroffene?
Vor allem Ermutigung: Eine Psychotherapie bei Depression wirkt nicht nur während der Behandlung, sondern bei vielen Menschen über Jahre nach. Zugleich zeigt die Studie, dass rechtzeitige Hilfe sinnvoll ist. Der Wiener Psychotherapeut Bernd Thell weist auf seiner Website darauf hin, dass sich psychische Leiden ähnlich wie körperliche Erkrankungen festsetzen und chronifizieren können, wenn Betroffene lange mit der Hilfe zuwarten. Wie man einen Platz findet, erklärt Therapieplatz & Ablauf.
Was bedeutet das für die Versorgung in Österreich?
Die Befunde sprechen dafür, Behandlungen nicht zu früh zu beenden und die Wirkung langfristig im Blick zu behalten. In Österreich sind Kassenplätze jedoch kontingentiert; der Bundesverband für Psychotherapie kritisiert, dass Therapien deshalb oft zu früh enden müssen. Bei Kassenleistungen ist zudem ab der elften Sitzung eine Bewilligung nötig. Für die Debatte um mehr Kassenplätze liefert die Metaanalyse damit ein gewichtiges Argument: Gut behandelte Depressionen bleiben bei vielen Menschen über Jahre gebessert. Wie Kassenplätze und Zuschüsse funktionieren, erklärt Kosten & Krankenkasse.
Häufige Fragen zur Studie
Was ist eine Metaanalyse?
Eine Metaanalyse fasst die Ergebnisse vieler einzelner Studien statistisch zusammen. Dadurch lassen sich Effekte genauer schätzen als mit einer Einzelstudie.
Heißt das, Psychotherapie hilft bei jeder Depression? Nein. Die Studie zeigt Durchschnittswerte; nicht alle Menschen sprechen gleich gut an. Im Erstgespräch lässt sich klären, welches Vorgehen im Einzelfall sinnvoll ist.
Wie lange sollte eine Therapie bei Depression dauern?
Darauf gibt die Studie keine Antwort. Die Dauer wird individuell vereinbart; über die voraussichtliche Gesamtdauer müssen Psychotherapeut:innen vor Beginn aufklären.
Wurde Psychotherapie mit Medikamenten verglichen? Nein, verglichen wurde mit Kontrollbedingungen wie üblicher Versorgung oder Warteliste. Zu Medikamenten gibt es eigene Studien; bei schweren Depressionen empfehlen Leitlinien die Kombination.
Weiterlesen: Psychotherapie verstehen · Methoden & Verfahren · Anlässe & Beschwerdebilder
Hinweis: Dieser Beitrag fasst eine wissenschaftliche Studie allgemein verständlich zusammen und ersetzt keine Diagnose oder Behandlung. Bei Gedanken an Suizid: Telefonseelsorge 142, rund um die Uhr.
Quellen
Cuijpers P, Miguel C, Kaya Aglio E, van Straten A, Karyotaki E, Harrer M (2026): Long-term effects of psychotherapies for depression: an advanced meta-analysis. World Psychiatry 25(2): 287–294. https://doi.org/10.1002/wps.70065 Cuijpers P, Quero S, Noma H et al. (2021): Psychotherapies for depression: a network meta-analysis covering efficacy, acceptability and long-term outcomes of all main treatment types. World Psychiatry 20(2): 283–293. https://doi.org/10.1002/wps.20860 Cuijpers P, Miguel C, Harrer M, Ciharova M, Karyotaki E (2024): The overestimation of the effect sizes of psychotherapies for depression in waitlist controlled trials. Epidemiology and Psychiatric Sciences 33: e56. Publikationsliste: https://mharrer.dev/papers/ Bernd Thell, Psychotherapie 1170 Wien – Fragen & Antworten: https://www.existenzanalyse-wien.at/ ÖGK: Psychotherapie – Bewilligung ab der 11. Sitzung: https://www.oegk.at/cdscontent/?contentid=10007.870222&portal=oegkportal Psychotherapiegesetz 2024 (PThG 2024), § 42 (Aufklärungspflicht), RIS: https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=20012578 ÖBVP: NEWS 07/2025 (Kontingentierung und zu früh beendete Therapien): https://www.psychotherapie.at/sites/default/files/downloads/NEWS-OEBVP-Mitgliedermagazin-2025-Ausgabe_1.pdf Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, Patienteninformation Behandlungsempfehlungen (2022): https://leitlinien.de/medien/depression/pdf/16-depression-behandlungsempfehlungen.pdf Zuletzt geprüft am 27.09.2026







